Postillonböschung 2004


Von Jürgen Hensle geschrieben am 16.April.2004

Der Postillon (Colias crocea ) ist ein in Südeuropa häufig vorkommender Tagfalter. Nördlich der Alpen tritt er fast überall nur als gelegentlicher Zuwanderer auf. Hier sind nur an der englischen Südküste und in der südlichen Oberrheinebene einige wenige bodenständige, also überwinternde Populationen bekannt. Der nördlichste bekannte Überwinterungsort im kontinentalen Europa befindet sich an einer nur 150 m langen Südböschung in den Weinbergen bei Eichstetten am Kaiserstuhl.

Diese Böschung ist zudem Heimat vieler anderer wärmeliebender Insekten. Alleine 36 Tagfalterarten konnten wir hier zählen. Es ist nicht alleine ihre besondere Wärmelage, die sie für Schmetterlinge so attraktiv macht. Es ist vor allem auch das kleinräumige Mosaik aus Halb- und Volltrockenrasen, artenreichem Gebüsch und einem etwas feuchteren, mit Weiden bewachsenen Abschnitt.

 Ende Februar 2003 wurde dieser wertvolle Biotop widerrechtlich von einem Unbekannten auf fast der ganzen Länge abgeflämmt. Nur wenige Stellen mit besonders lückiger Grasdecke wurden von dem Feuer verschont.

Der Schaden an der Vegetation hielt sich in Grenzen. Nur die Kanadische Goldrute breitete sich stark aus, wie dies für rhizombildende Steppenarten nach einem Brand typisch ist. Und fast alle Tagfalterarten, die zuvor an der Böschung heimisch waren, flogen in den nächsten Monaten aus der Umgebung wieder ein. Die Frage war nun, hat auch der Postillion dies Feuer überlebt ? Seine nächsten dauerhaften Populationen finden sich bei Bad Bellingen im Markgräfler Land und bei Rouffach im Oberelsaß, danach erst wieder im Wallis, im Tessin und in Südfrankreich.

 Auf unser Betreiben hin bekamen wir von der Gemeindeverwaltung schließlich im Sommer 2003 die Erlaubnis, die Böschung zu renaturieren und zukünftig ordnungsgemäß zu pflegen.

Es bestand die Gefahr, dass diese Böschung im Laufe der Jahre mit Büschen und Sträuchern zuwachsen würde. Stellenweise breitete sich bereits Brombeer- und Waldrebengestrüpp aus, ebenso wilde Pfropfunterlagen von  Weinstöcken. Diese Pflanzen herauszumähen war unser erstes Hauptanliegen des Sommers 2003. Bei einem dieser Arbeitseinsätze unter sengender Juli-Sonne zeigten sich zwei Postillon - Männchen, da wussten wir, dass sich die Mühe gelohnt hatte. Im August erfolgte zudem ein starker Einflug des Postillons aus Südfrankreich und Norditalien nach ganz Mitteleuropa, sodass der Falter auch an „seiner“ Böschung bald wieder so häufig war, wie in den Jahren zuvor.  

Die Kanadische Goldrute wird am besten während der Blüte im August gemäht, denn das verträgt diese Steppenpflanze gar nicht. Der heiße und trockene Sommer tat dann ein Übriges; viele Goldruten vertrockneten zur Blütezeit. Auch die Hauptfutterpflanze der Postillon - Raupe, die Luzerne, musste teilweise gestutzt werden, da  Schmetterlingsweibchen ihre Eier kaum an alten Blättern ablegen. Da der Postillon vier Generationen im Jahr ausbildet, befinden sich immer Raupen an den Futterpflanzen. Da die Falter zudem den Blütennektar brauchen, durften wir keineswegs den ganzen Halbtrockenrasen komplett abmähen.
 Denn ohne blühende Pflanzen, würden sie auf umliegende Böschungen fliegen und dort ihre Eier ablegen.

Postillone bei der Paarung, oben das Männchen


Da an diesen Böschungen für die Raupen jedoch nicht das nötige Mikroklima herrscht, könnten sie den Winter nicht überleben. Im Oktober waren die bodennahen Blätter der Luzerne reich mit den spindelförmigen Eiern belegt und auch junge Raupen fanden sich wieder recht häufig. Dann folgte die zweite Katastrophe des Jahres: Wider jeder Absprache mähte die Gemeinde den unteren Teil der Böschung ab. Gerade hier wuchsen die meisten Luzernepflanzen. Aber der Postillon zeigte sich erfreulich zählebig!
Als in den nächsten Wochen die Luzernen erneut austrieben, fanden sich alsbald auch wieder frische Eier daran. Gar so reichlich legten diese letzten Falter des Jahres zwar nicht mehr ab, wir haben jedoch die Hoffnung, dass genügend Raupen überleben, um den Fortbestand der Art zu gewährleisten.  

Erwachsene Raupe des Postillons nach der Überwinterung

Räuberische Spinnen und Insekten sind an den warmen Südböschungen den Winter über an sonnigen Tagen ebenso aktiv, wie die Postillon-Raupen, so dass ihnen fast alle zum Opfer fallen. Die 1. Generation, die im Mai fliegt, ist stets nur in wenigen Exemplaren anzutreffen. Erst im Laufe des Sommers wird der Falter häufiger, um dann im Herbst das Maximum seiner Häufigkeit zu erreichen. 

Im Winter wurden als Pflegemaßnahmen in der Gehölzzone einige Feldahornbüsche und Grauerlen entfernt, um selteneren Arten wie dem Blasenstrauch und dem Sanddorn, aber auch zwei Kirschbäumen mehr Platz zu geben. Vor allem aber mussten die einst zur Stabilisierung der Böschung gepflanzten Hybridweiden zurückgeschnitten werden. Diese wachsen extrem schnell, ungehindert würden sie in wenigen Jahren als hohe Bäume, den Halbtrockenrasen zu sehr beschatten. Im März 2004 wollen wir Sommer- und Goldastern, sowie andere nektarspendende Blumen einsäen, um diesen Biotop weiter aufzuwerten. 

An der Postillon-Böschung sind folgende weitere Tagfalterarten dauerhaft heimisch:

Schwalbenschwanz, Senfweißling, Reals Senfweißling, Südlicher Heufalter, Großer Kohlweißling, Kleiner Kohlweißling, Rapsweißling, Aurorafalter, Kleiner Feuerfalter, Brombeer-Zipfelfalter, Zwergbläuling, Kurzgeschwänzter Bläuling, Alexis-Bläuling, Schwarzfleckiger Ameisenbläuling, Kronwicken-Bläuling, Kleiner Sonnenröschen-Bläuling, Gemeiner Bläuling, Silbergrüner Bläuling, Himmelblauer Bläuling, Admiral, Waldbrettspiel, Mauerfuchs, Braunauge, Gemeines Wiesenvögelchen, Schornsteinfeger, Kuhauge, Schachbrett, Blauäugiger Waldportier. 

Folgende Arten treten dort nicht jedes Jahr, bzw. nicht das ganze Jahr über auf:

 Goldene Acht, Zitronenfalter, Kleiner Perlmuttfalter, Distelfalter, Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, C-Falter, Samtfalter.

  Im Jahr 2003, dem besten Wanderfalterjahr seit Jahrzehnten sind hier zudem einige Raritäten, wie der Große Wanderbläuling oder – um einen Nachtfalter zu nennen – die Baumwollkapseleule beobachtet worden.

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