Zeig’ mir den Stinkevogel


Frankfurter Rundschau vom 22.07.06

Von Petra Meyer-Schefe

 Unter Hobby-Ornithologen am Kaiserstuhl, auf der Suche nach dem Wiedehopf und anderen komischen Vögeln

 Der Wiedehopf scheint ein komischer Vogel zu sein. Er zählt zur Ordnung der Rackenvögel. Besondere Kennzeichen: ein dünner, lang gebogener Schnabel und eine imposante Irokesen-Federhaube. Sein Ruf ist nicht sehr einfallsreich: "hub hub hub" - gehört habe ich ihn schon, nur gesehen leider nicht. Er lässt sich nicht blicken. Dabei bin ich nur seinetwegen um 6 Uhr aufgestanden und stehe jetzt frierend zusammen mit anderen Naturfreunden zwischen den Weinreben, in gebührendem Abstand zu einer Rebhütte, in der er wohnt. Mannshohe Stative sind in Stellung gebracht, darauf gewaltige Fernrohre montiert, so genannte Spektive, die es in Länge und Durchmesser mit dem rechten Oberschenkel von Michael Ballack aufnehmen können. Nur dass man damit nicht extrem weit schießen, sondern extrem weit gucken kann. Wir wagen kaum noch zu atmen. Es ist unser letzter Tag, unsere letzte Chance.

 Ornis ticken ganz richtig

 "Lust auf ein paar Tage am Kaiserstuhl?", hatte ein Freund gefragt. Man denkt an fröhliche Weinproben, gutes Essen, Ausflüge ins Elsass oder nach Freiburg, der Freund aber hat nur Wiedehopf und Bienenfresser im Sinn.

"Ornis" sind so. Und der Freund ist so einer - ein Birder, ein Twitcher, wie die Angelsachsen die weltweit zunehmende Zahl an Hobby-Ornithologen nennen. Sie durchstreifen die Natur, beobachten und zählen (im Fachjargon: ticken), was ihnen vor die Linse flattert. Auf 237 verschiedene Vogelarten in Deutschland hat es der Freund schon gebracht. Wiedehopf und Bienenfresser fehlen noch auf seiner Twitcherliste. Beide Vögel, so erfahre ich, waren vor 20 Jahren in Deutschland schon so gut wie ausgestorben. Jetzt brüten sie wieder, am Kaiserstuhl, dank engagierter Naturschützer und dank eines Klimas, das mit 1858 Sonnenstunden im Jahr so  trocken und heiß ist wie sonst nirgendwo in Deutschland. So finde ich mich nun selbst auf Wiedehopf-Suche wieder, im kleinen südbadischen Weinnest Oberrotweil, inmitten einer Gruppe von gut 20 begeisterten Vogel- und Naturfreunden, und komme mir angesichts von Profi-Ferngläsern ziemlich fehl am Platz vor. "Nur keine Bange", sagt Frau H., " wir haben schon alle mal klein angefangen." Aus Hamburg ist sie angereist, mit ihrem Mann, und erkennt fast jeden Vogel an seinem Gesang. Am Vorabend hatten wir uns einander vorgestellt. Fast alle, die sich zu der fünftägigen Exkursion am Kaiserstuhl angemeldet haben, sind Mitglied im NABU, dem Naturschutzbund Deutschland. Manche - es sind meist die älteren - geben sich als aktive Umweltschützer zu erkennen, die nichts dabei finden, tage- und nächtelang in einem kalten Wohnwagen auszuharren, um Nistplätze von Wanderfalken zu schützen. "Nur die Harten kommen in’n Garten", lacht Herr P. aus der Pfalz. Über 70 ist er sicher, aber am nächsten Morgen schultert er sein Holzstativ wie ein junger Mann seine Skier. Seine Frau trägt im Rucksack das schwere Spektiv hinterher.

 Engelbert Mayer, grauer Kinnbart unterm Strohhut, 55 und Vorsitzender des NABU-Kaiserstuhls, gibt das Marschtempo vor. Ein echter Kaiserstühler ist er und ein streitbarer Umweltschützer. Nicht ganz einfach, diese Kombination. Denn die Kaiserstühler haben in der Vergangenheit den Bibelspruch "Machet euch die Erde untertan" sehr wörtlich genommen. Die Folge: Von weitem sieht der Weinberg Mondhalde bei Vogtsburg aus wie eine gigantische Gala-Treppe. Flurbereinigung hat man das in den 60er und 70er Jahren genannt. Auf der Strecke blieb die Natur, und manche Spitzenweinlagen auch. "Viele, wo damals dafür waren, geben heute zu, dass es ein Fehler war", sagt Engelbert Mayer. Rückgängig machen könne man das alles nicht, aber doch schützen, was noch erhalten geblieben sei. Wie zum Beispiel die letzten Hohlwege, die sich über Jahrtausende durch Wind und Wasser in den Kaiserstühler Löss gegraben haben wie Falten in eine vom Wetter gegerbte Haut. Hier baut der Bienenfresser seine Nisthöhle, verstecken sich Smaragdeidechse und Gottesanbeterin. Dann laufen wir durch einen dieser schattigen Gräben, vorbei an Holunderbüschen, rotem Klatschmohn, Pfaffenhütchensträuchern, ganz kahl gefressen von der Gespinstmotte. Irgendwo ruft ein Vogel seinen Namen. "Zilpzalp, zilpzalp, zilpzalp". Herr P. zückt unsere Gruppen-Twitcherliste und notiert: Zilpzalp - Vogel Nr. 22. Frau H. hört eine Dorngrasmücke, auf der Wiese stakst ein Graureiher, Herr S. entdeckt eine Heckenbraunelle und über uns kreist majestätisch ein Turmfalke. Dann ganz plötzlich sitzt da ein Bienenfresser auf einem metallenen Weinspalier in der Sonne. Ein Rackenvogel wie der Wiedehopf, nur kleiner und bunter. "Mannomann, der ist ja noch farbenprächtiger als der Eisvogel", sagt der Freund und gibt nur unwillig das Fernglas ab. Fehlt nur noch der Wiedehopf. Aber der lässt sich nicht blicken.

Rund 40 Brutpaare hat Engelbert Mayer gezählt. Vor 20 Jahren waren es grad mal fünf. Im Gegensatz zum Bienenfresser, der lehmige Behausungen sucht, braucht der Wiedehopf alte, tote Bäume. Die aber sind so rar geworden wie die Streuobstwiesen. Deshalb griffen die Naturschützer auf die Rebhütten in den Weinbergen zurück. Sie bohrten ein faustgroßes Loch in die Holzwand und befestigten dahinter einen Kasten als Höhle. Am Anfang zogen die falschen Mieter ein, Meisen und Stare. Da bohrte man die Löcher einen Meter tiefer. Im Hochparterre wurde es den ungeladenen Gästen zu unheimlich, nicht aber dem Wiedehopf. Bei Gefahr wird er dank aktiver Bürzeldrüse zum gefiederten Stinktier - daher auch sein zweiter Name: Stinkevogel. All das erfahren wir, während wir im Schatten einer mächtigen Kastanie wieder mal darauf warten, dass sich der Mieter einer solchen Rebhütte zeigt. Vergeblich. Der Hunger treibt uns schließlich nach Eichstetten, wo wir im "Gasthof zum Ochsen" Trost bei köstlicher Zanderterrine mit Salat und einem Glas Weißburgunder suchen.

 Am späten Nachmittag steht eine Weinprobe auf dem Schambachhof in Bötzingen auf dem Programm. Als wir ankommen, kommt uns der junge Bio-Winzer Matthias Höfflin breit grinsend entgegen. "Ihr kommt zu spät. Vor einer halben Stunde saß ein Wiedehopf da drüben in der Birke."

 Unsere Geduld wird auch in den nächsten Tagen auf eine harte Probe gestellt. Vier Tage durchstreifen wir den Kaiserstuhl, der gerade mal 16 Kilometer lang und maximal 13 Kilometer breit ist. Vom Naturschutzgebiet Badberg geht der Blick übers Rheintal hinüber zu den Vogesen und in anderer Richtung zum Schwarzwald. Zu unseren Füßen blühen wilde Orchideen, wie das Brandknabenkraut, das Schwertblättrige Waldvögelein oder die Pyramiden-Orchis. Schmetterlinge flattern über dem Blumenmeer. Dort ein Feuerfalter und da ein himmelblauer Bläuling …Wann habe ich das letzte Mal die Natur so detailliert wahrgenommen? Fast ist mir sogar der Wiedehopf schnurz geworden

 Flatterhaft: "Vogel Nr. 64"

 Doch am letzten Tag wollen es die Vogelfreunde noch einmal wissen. Und da stehen wir nun - wie schon so oft - in gebührendem Abstand zu einer Rebhütte. Ohne Frühstück, aber mit Fernglas und Spektiv. In Oberrotweil schlägt die Turmuhr neun Mal, als wir entnervt aufgeben. "Der kommt nicht mehr", murmelt Herr Mayer. Spektive werden abgeschraubt, Stative zusammengeklappt. Stumm machen wir uns auf den Rückweg. Ja, und dann - Frau H. hat ihn zuerst entdeckt - flattert er einfach so an uns vorbei. Über die Weinstöcke hinweg in seinen komischen Auf- und Abbewegungen, als wolle er sich über uns lustig machen. Sprachlos schauen wir ihm hinterher. "Ja, hat der Mensch noch Töne?!", sagt Herr P. und greift zu seinem Block: "Vogel Nr. 64: Wiedehopf."

 

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