Fast alle Vögel sind schon da

  
Aus: „Sonntag aktuell“ vom 27. August 2006;  von Franz Lerchenmüller

 Regenböen auf Bauerngärten, nasses Trommelfeuer auf Walnussriesen, Sturzbäche über Weinbergterrassen – ein Wetter, bei dem man keinen Hund vor die Türe jagt. Auch Frau Wiedehopf scheint ein Einsehen gehabt zu haben und gönnt ihrem Gatten offenbar eine Auszeit vom mühsamen Geschäft des Nahrungseinholens. Denn egal, wie vorsichtig die Gruppe auch den nächsten Brutkasten ansteuert, wie verführerisch Engelbert Mayer, „upupup“, zu locken versucht – an diesem Tag will und will sich kein Vertreter von Upupa epops zeigen.  

Dabei ist er der Star des Kaiserstuhls, der Stinkbübbler mit der Federhaube, der seinen Feinden mit einem gezielten Strahl aus seiner Bürzeldrüse Atem und Appetit raubt, und der ganz besondere Stolz der örtlichen NABU-Gruppe außerdem: Gerade mal drei Paare waren vor 15 Jahren noch übrig geblieben. Jetzt sind es dank der Brutkästen der Vogelschützer zehnmal so viele.

 Engelbert, 56, Reiseführer und allzeit streitbarer NABU-Vorsitzender, nimmt das schon beinahe persönlich: Eine Reise namens „Wiedehopf und Hefezopf“ – und dann entfällt der eine Teil ganz einfach? Seine 16 Gäste, zum größten Teil jenseits der 65, stapfen eher gleichmütig durch den beigen Löss, der sich wie zäher Pamps um die Schuhe schmiert. Ein Wiedehopf – doch, wäre schön und steht ja auch im Programm.

Aber schließlich sind da noch andere Vogelarten zu entdecken, hier am Kaiserstuhl, jener etwa zehn Mal zehn Kilometer großen, hufeisenförmigen Vulkanruine am Oberrhein. Und außerdem verstehen sie sich als genießende Ornithologen. Nicht als fanatische Sammler. Die um die Welt rasen, auf der Suche nach möglichst seltenen Arten. So wie Phoebe Snetsinger aus Minnesota, die, als sie 1999 starb, 8618 verschiedene Vogelarten erspäht hatte – von rund 9200, die weltweit bekannt sind.

 Einige der Teilnehmer haben auch schon mehr als 250 Arten abgehakt. Und sie erzählen alle gern. Von balzenden Birkhühnern in Estland ist da die Rede, von Flamingos auf Lesbos und Unglückshähern in Lappland. Aber darum geht es ihnen nicht so sehr. Unterwegs sein in aller Ruhe wollen sie. Sehen, was Kommt. Sich einlassen auch auf Pflanzen, Insekten, Mineralien.  

Es geht ums Ganze. Hier also um den Kaiserstuhl. Und Engelbert Mayer weiß viel darüber zu erzählen: vom Streit um die Maikäferbekämpfung etwa oder die Flurbereinigung in den siebziger Jahren. 100 Hektar Fläche wurden damals abgetragen, umgeschichtet, aufgefüllt – und die Ergebnisse stehen unübersehbar in der Gegend: Direkt neben dem lebendigen Patchwork der alten, kleinteiligen Landschaft erstrecken sich die großen neuen Terrassen, Zeile um Zeile schnurgerade, Rebe um Rebe.

Aber halt, da fliegt was – ein Schwarzkehlchen, klar!  Entspannung in der Gemeinde: Das ist doch schon mal nicht schlecht. Ein Bluthänfling dann. Ein paar Turteltauben, die es gern warm haben. Und  - pscht! „das isch er, höret ihr, der Wendehals.“ Aufgeregt suchen Tchibo-Gläser und Leitz-Spektive Büsche und Drähte ab. „Ich hab ihn“, jubelt der Banker a.D. mit leisem Triumph. Und auch der Anfänger kriegt schon mal seine erste Lektion: Die Rabenkrähe hat einen schwarzen Schnabel. Was sie von der sehr ähnlichen Saatkrähe mit ihrem helleren unterscheidet.  

Dann wird es Nachmittag, und der Ökowinzer wartet. Matthias Höfflin vom Schambachhof in Bötzingen wärmt die durchnässten Vogelscheuchen mit einem feinen Tresterschnaps, öffnet schöne Weine und erzählt bildhaft und interessant. Ohnehin sind sich die Hobbyornithologen einig, dass der andere, der kulinarische Teil der Reise nicht weniger Aufmerksamkeit verdient, als Zilpzalp und Mauersegler. Alles was mit „-le“ endet, finden sie bald heraus, kommt im Badischen generell in doppelter Portion: das Leberle, das Schäufele, die Spätzle sowieso – die Sorge, ihre Gäste könnten hungrig nach Hause gehen, scheint alle Wirte im Kaiserstuhl umzutreiben.  

Am nächsten Tag hat das Wetter ein Einsehen – schließlich hat der Kaiserstuhl einen Ruf als eine der wärmsten Regionen Deutschlands zu verlieren. Ein harter Wind fegt den Himmel blank und jagt Rauchschwalben, Turmfalken und Rabenkrähen hoch ins Blau. Jetzt zeigt der Kaiserstuhl, was noch so alles an ihm drauf und dran ist. Und Engelbert, was in ihm steckt: der grüne Flatterer? Ein Brombeerzipfelfalter natürlich. Das daumengroße Ungeheuer? Eine Maulwurfsgrille, Lieblingsspeise des Wiedehopfes (der immer noch Ruhetag hat). Weinbergschnecken sind da, ein kraftstrotzender Nashornkäfer. Und unter den Ranken der Brombeere glitzert es wie Juwelen: Zwei Smaragdeidechsen fangen die raren Sonnenstrahlen ein.

Jetzt haben auch die Botaniker ihren Einsatz: Salomonsiegel, Bocksriemenzunge, Färberwaid – die Namen purzeln nur so. Mit der giftigen Schwalbenwurz hat man einst Tiere umgebracht. Die weiße Kaiserstuhlanemone kommt nur hier vor. Und fast andächtig zeigt Engelbert noch eine andere Rarität: Der Diptam entzündet sich angeblich manchmal von selbst, wegen seiner ätherischen Öle. Am gefragtesten sind, versteht sich, die Orchideen: 35 Arten finden sich im Kaiserstuhl. Und ein Dutzend davon auf dieser Reise.  

Klar, dass dies auch ein Tag für Vögel ist. Ssst – ein Grünspecht! Ein paar Töne, kaum gehört und schon verweht: Der Baumpieper. „Geckgeckgeck“ keckert die Wacholderdrossel, das Rotkehlchen flötet, „wie die Nonne in der Kirche“, und dann schmatzt ein Neuntöter. Wer kriegt ihn als Erster zu Gesicht? Jetzt kommt doch so etwas wie Jagdeifer auf. Immerhin hat die Biologielehrerin a.D. inzwischen 48 Arten auf der gemeinsamen Liste eingetragen.  

Und dann ist ER da, dessen hufeisenförmige Höhlen ab und zu in den Lösswänden zu sehen sind: gelbe Kehle, schwarze Augenbinde, roter Rücken, türkisfarbener Bauch. Leuchtend bunt, als sei er eben durch den Farbkasten gezogen worden, sitzt er auf einer Stromleitung: der Bienenfresser, Europas farbenprächtigster Vogel. Einst war er am Kaiserstuhl zu Hause, aber immer schon rückten die Imker der „Italienerdrossel“ zu Leibe. Vor 15 Jahren ist der Bienenfresser in den Kaiserstuhl zurückgekehrt, 200 Paare werden mittlerweile gezählt.  

Bleibt da noch die Sache mit dem Wiedehopf. Am letzten Morgen wird er tatsächlich gesichtet. Im Bären thront er auf dem Frühstückstisch, direkt neben dem mächtigen Hefezopf. Kein Zweifel, er ist es: der lange dünne Schnabel, die schwarz-weiß gestreiften Flügel, der orangebraune, gespreizte Federfächer auf dem Kopf. Ein Prachtkerl, fast wie im richtigen Leben. Aber diesmal halt aus Kunststoff. So leicht gibt sich ein Engelbert Mayer nicht geschlagen.  

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